Gott und velnias

Dies ist der Anfangszustand der Welt, der Ausgangspunkt ihrer Entwicklung, der in den Entstehungsmythen manchmal beschrieben und manchmal nur angedeutet wird. Es ist die Bühne, auf der zwei Schöpfer – Gott und velnias, der Teufel – die heutige Welt formen. Gott erschafft dabei alles, was nützlich und schön ist, der Teufel alles Schädliche und Hässliche. Gott macht die Erde glatt, velnias ist verantwortlich für zerklüftete Gegenden, Berge und Sümpfe. Gott formt einen gesunden Menschen, velnias gibt ihm Krankheiten. Gott schafft nützliche Tiere, velnias den Wolf. Gott sät Bäume und Nutzpflanzen, velnias Steine. Gott handelt bewusst und zielgerichtet, während velnias ihn nur imitiert und dabei nie das erreicht, was er beabsichtigt hatte. Auch velnias will einen Vogel machen, der den Bauern bei der Arbeit auf dem Feld erfreut, doch während Gott die Lerche schafft, kommt bei velnias nur eine Kröte heraus.

Der Gott der litauischen Entstehungsmythen ist erdverbunden und krempelt die Ärmel selbst hoch. Er rudert in einem Boot über die Ursuppe und verrichtet alltägliche Arbeiten – er schneidet Heu, baut Ställe, macht Feuer und wäscht sich das Gesicht. Selbst bei der Erschaffung der Welt, die nicht wie in der Bibel als übernatürliche, mysteriöse Handlung, sondern als Alltagsaufgabe beschrieben wird, verliert er nie seine Bodenständigkeit.

Gott sät Ackerland oder schafft es aus dem Staub, den velnias ihm bringt. Er formt den Menschen aus „reinem Ton“. Nachdem er die Tiere kreiert hat, gibt er ihnen Augen und Namen und sagt ihnen, wo und wie sie leben sollen und wem sie zu gehorchen haben. Er färbt die Federn der Vögel mit Pinsel und Palette. Diese Beschreibung des höchsten Wesens als Handwerker gibt seinem Bild Wärme und Menschlichkeit. Dennoch strahlt er in den meisten Entstehungsmythen etwas Majestätisches aus, das ihm durch seine Weisheit, seinen Scharfsinn und seine kreative Kraft verliehen wird. Außerdem ist er die höchste Instanz der Gerechtigkeit. Er bestraft die Prahler, Faulen, Gierigen und belohnt die Fleißigen und Rechtschaffenen. Somit ist er ein Volksheld, um einen Begriff aus der Volkskunde zu benutzen.

Doch auch velnias wird nicht als böse dargestellt, sondern als komisch. Er will Gott imitieren oder sogar töten, doch er ist dumm, unfähig und verfügt nicht über dessen kreative Schöpferkraft. Sein wiederholtes Scheitern beim Versuch, etwas Großes zu schaffen, und das Verhältnis von eingesetzten Ressourcen zum Ergebnis sorgen für Komik. Dennoch behält der velnias der Entstehungsmythen Züge, die seine göttliche Herkunft und Wesensähnlichkeit zum Volkshelden zeigen. Manchmal wird er sogar selbst als Gott bezeichnet. Um Heu zu machen, benutzt er eine Sense, die nicht einmal der Schöpfer besitzt, und er kann Eisen schmieden, was ihn zu einer Art Schutzpatron der Handwerker macht.

Die beiden Hauptcharaktere der litauischen Schöpfungsmythen unterscheiden sich grundlegend von denen der christlichen Lehre, auch wenn sie wie dort in „gut“ und „böse“ aufgeteilt sind. Ihr Ursprung reicht auf die viel ältere heidnische Mythologie zurück. Das Bild eines einfachen, bäuerlichen Gottes stammt ganz offensichtlich nicht aus der Bibel (wo es so gar nicht vorkommt), sondern aus der Zeit der ersten sesshaft gewordenen Bauern, deren harten Daseinskampf es spiegelt. Ein solcher Schöpfer kommt nicht nur in der Sagenwelt der indogermanischen, sondern auch vieler anderer Völker vor und nimmt manchmal auch Tier- oder Vogelgestalt an.

Der litauische Schöpfergott und sein Gegenspieler velnias ähneln in Art und Handlungsweise dem mystischen Wasserkind der amerikanischen Ureinwohner, ihrem Kojoten und Raben. Auch velnias hat dabei kaum etwas mit dem Teufel der Bibel gemeinsam. Der litauische velnias ist ein Narr oder Spaßmacher (der manchmal ebenfalls zum Volkshelden wird), so wie der Kojote der amerikanischen Ureinwohner, die Spinne bei afrikanischen Stämmen und der maui bei den Polynesiern. Der einzige Unterschied besteht darin, dass in den Sagen primitiver Kulturen keine dualistische Teilung in gut und böse vorkommt. So tritt der Kojote in Sagen der amerikanischen Ureinwohner sowohl der Held als auch als Narr auf.

Götterreigen

Der litauische Pantheon (Götterreigen)

Das Manuskript Ipatijs von 1252 beschreibt die Taufe des Königs Mindaugas, beharrt jedoch darauf, dass er nur zum Schein zum Christentum übertrat und weiter den alten Göttern opferte. Als diese werden genannt: Nunadievis, der höchste Gott, sowie Teliavelis, Diviriks, ein Hasengott und Medeina. Eine Schrift von 1258 erwähnt Andajus und Diviriks. 1261 berichtet der Sovijus-Mythos, das Sovijus befahl, Andajus und Perkūnas, dem Donnergott, zu opfern, außerdem Žvorūna, einer Hündin, und Teliavelis, einem Schmied, der die Sonne schmiedete und sie an den Himmel warf, damit sie die Erde beleuchte.

Religionsquellen

Tacitus erwähnt in „Germania“ die Völker des Ostens, die eine Göttermutter anbeteten (dies bezog sich wahrscheinlich auf westliche Balten). Der arabische Reisende Idrisius schreibt über Bewohner der Stadt Madsuna, die dem Feuer huldigten. Die baltischen Staaten werden auch in verschiedenen Papstbullen erwähnt, doch eine umfassendere Quelle sind die Manuskriptfragmente von Ipatijus Voluine, die berichten, wie der zum Christentum bekehrte Mindaugas heimlich seine alten Götter anbetet und diese von der Kriegerklasse verehrten Gottheiten auch beschreiben. Es gibt viele Quellen aus der Zeit kurz vor der Christianisierung und kurz danach, weitere aus der Zeit der Renaissance, wie die „Litauische Chronik“, die von „religiöser Erneuerung“ Litauens im Mittelalter spricht.

Im 16. Jahrhundert zählte Maciej Stryjkowski sechzehn litauische Götter auf, J. Lasycki beschrieb verschiedene samogitische Götter und mythische Figuren niederen Rangs. Diese Autoren gelten zwar als zuverlässig, sprachen jedoch kein Litauisch und beschrieben eine Religion, die durch die Christianisierung im Niedergang begriffen bzw. von einigen nur regional bekannten und verehrten „Gottheiten“ durchdrungen war.

Ende des 16. und im 17. Jahrhunderts zeichneten jesuitische Missionare Reste des heidnischen Glaubens in den ländlichen Gegenden auf. So beschrieb M. Preatorius die Bräuche und Rituale in Kleinlitauen so umfassend, dass ein sehr komplexes Bild dieser Kultur zum Ende des 17. Jahrhunderts entsteht.

Nimmt man all diese Quellen zusammen, kann man die litauische Religionsgeschichte annähernd rekonstruieren, wobei zu beachten ist, dass diese einem ständigen Wandel und regionalen Besonderheiten unterworfen war. Dazu kommen Informationen aus archäologischen und linguistischen Quellen sowie aus Folkore-Sammlungen und der Volkskunde des 19. und 20. Jahrhunderts. So lassen sich vier Hauptperioden der litauischen Religionsgeschichte festlegen:

13.-14. Jahrhundert: In dieser Zeit gibt es eine offizielle Religion, die von Rittern und Kriegern ausgeübt wird und stark von militärischer Mythologie durchdrungen ist. Mittelsmänner sind heidnische Priester.

15.-16. Jahrhundert: Die oberen Gesellschaftsschichten konvertieren zum Christentum, während die Bauern den alten Glauben und die alten Traditionen ohne Hilfe der Priester weitergeben. In abgelegenen, ländlichen Regionen entsteht ein bäuerlicher Pantheon, auch alte heidnische Rituale werden weiter ausgeführt.

16.-18. Jahrhundert: Die Jesuiten missionieren die ländlichen Gegenden, der alte Pantheon schrumpft und einzelne Götter werden in Geister, Dämonen und andere niedrigerer mythologische Gestalten umgewandelt, denen nur noch hin und wieder geopfert wird. Die alten heidnischen Rituale werden nicht mehr in der Öffentlichkeit oder Gemeinschaft ausgeführt, sondern nur noch im Kreis der Familie.

19.-Anfang 20. Jahrhundert: Die alten Rituale werden kaum noch ausgeführt oder dem christlichen Glauben angepasst. Bei Gottesdiensten oder kirchlichen Festen findet man zahlreiche Elemente, die auf den heidnischen Glauben zurückreichen, doch sind sie „christianisiert“. Einerseits kann man dies als Sieg des Christentums über den heidnischen Glauben deuten, doch andererseits haben die alten, unverwüstlichen Traditionen das Christentum eindeutig penetriert. Das Ergebnis ist die Verschmelzung beider Glaubensrichtungen.

Religion & Mythologie

Hintergrund

Die litauische Religion gehört wie die alten Religionen Nord- und Mitteleuropas der Slawen, Teutonen und Kelten zu den indo-europäischen. Während Lettland oder Preußen im Mittelalter noch keinen eigenen Staat und soziale Schichten gebildet hatten, erwähnen Quellen des 13. und 14. Jahrhunderts für Litauen eine Klasse der Krieger und Herrscher, die einer bestimmten heidnischen Religion anhingen. Der heidnische Glaube der einfachen Landbevölkerung wird erst später, in Quellen aus dem 15. und 16. Jahrhundert, erwähnt und spiegelt sich in der Folklore und Volkskunde des 19. und 20. Jahrhunderts wider. Dies liegt zum Teil auch daran, dass die herrschende Schicht früh zum Christentum übertrat, während sich dies unter den Bauern langsamer und später durchsetzte.

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