Die traditionelle litauische Volkskunst entstand in den ländlichen Gegenden, wo Gebrauchsgegenstände für den Alltag durch reiche Verzierung oft zu Kunstgegenständen wurden. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts lösten sich Volkskunst und Kunsthandwerk – bedingt durch politische und gesellschaftliche Veränderungen – vom ländlichen Raum. Heute gibt es auch in den Städten viele Volkskünstler und Kunsthandwerker, die zur städtischen Kultur- und Kunstszene beitragen. Im Allgemeinen haben sie jedoch kein akademisches Kunststudium absolviert, und ihre Werke weisen einen Bezug zum traditionellen Brauchtum auf.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es in allen Bereichen der Volkskunst Veränderungen in Stil, Design, Farbe, Form, Funktion u.a. Dies lag zum Teil an den veränderten Lebensbedingungen und der Einführung der Massenproduktion, die das Kunsthandwerk beeinflusste, aber auch an den Auswirkungen der russischen Besatzung. Einige kunsthandwerkliche Gegenstände, wie geschnitzte Spindeln, Handtuchhalter und Werkzeuge zur Flachsverarbeitung, verloren ihren Alltagsnutzen und wurden zu reinen Dekorationsgegenständen. Während der russischen Besatzung galt traditionelles Kunsthandwerk aber auch als Mittel, die nationale Identität zu wahren, und so haben alle Bereiche der Volkskunst auf die eine oder andere Weise bis heute überlebt.

Auch in der Volkskunst unterscheidet man zwischen bildenden und angewandten Künsten. Zur ersten Gruppe gehören Malerei und Grafik, die neuere Technik der Collage, Bildhauerei und die eng damit verwandte litauische Sonderform der Wegkreuze und Schreine. Zur zweiten Gruppe zählen Holz-, Metall-, Keramik-, Bernsteinarbeiten und anderes Kunsthandwerk. Auch die jahreszeitlich und rituell geprägten kunsthandwerklichen Dekorationsgegenstände wie Ostereier, Masken, Weihnachtsschmuck etc. zählen dazu.

Die ersten Ausstellungen mit Volkskunstwerken gab es Ende des 19. Jahrhunderts, diese fanden jedoch nur regional und oft im Rahmen von Volksfesten statt. Anfang des 20. Jahrhunderts waren die ersten Werke wie Webereien, Holzarbeiten und Skulpturen in Ausstellungen im Ausland zu sehen, gaben einen Einblick in die litauische Kultur und zogen Fachleute und Interessierte an. So war litauische Volkskunst auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1900, auf der Tilsiter Messe 1905 und auf der Russischen Messe für Kleinkunst 1913 vertreten. 1908 gab es in Berlin eine eigene Ausstellung für litauische Volkskunst. Auch zwischen den beiden Weltkriegen, als Litauen unabhängig war, nahm es an Ausstellungen in Monza / Italien, Paris / Frankreich und Skandinavien teil. Auch innerhalb Litauens fanden zahlreiche Ausstellungen statt, die teilweise vom Landwirtschaftsministerium organisiert wurden. Diese Möglichkeit, ihre Werke zu präsentieren, ermutigte Volkskünstler und schuf eine Verbindung zwischen der akademischen und der traditionellen Kunst.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm diese Entwicklung noch zu, sodass es in den neunziger Jahren jährlich über 200 verschiedene regionale, überregionale und private Volkskunst-Ausstellungen gab, eine davon zum Beispiel im Rahmen des Litauischen Song Festivals. Während der russischen Besatzung führte das Zentrum für Volkskunst mehrere Ausstellungen durch, die zeitgenössisches Kunsthandwerk historischen Stücken aus Museen gegenüberstellten, darunter handgewebte Stoffe, Spinnwerkzeug und Zeichnungen.

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