Die ersten Folkloregruppen, die in Scheunentheatern und ähnlichen Rahmen auftraten, kamen um die Jahrhundertwende auf. 1906 gründete P. Puskunigis das immer noch bestehende Skriaudžiai kanklės-Ensemble. Kurz darauf entstanden viele kanklės, skudučiai und ragai-Ensembles, und es gab die ersten Kurse im kanklės-Spielen. Eins der ersten bedeutenden Volkstheaterstücke hieß „Die Kupiškėnai Hochzeit“. Es wurde 1932 uraufgeführt, und alle Schauspieler waren Bauern aus der Umgebung.

In der Nachkriegszeit wurde unter der offiziellen russischen Kultur nur stilisierte Volkskunst geduldet. Anfang der sechziger Jahre besserten sich die Bedingungen jedoch, sodass eine Folklorebewegung entstehen konnte, die sich aus litauischen Traditionen und Wurzeln speiste. Die traditionelle Folklore hatte Zulauf, da sie eine halbpolitische, aber geduldete Vaterlandsbewegung symbolisierte und eine Alternative zur offiziellen russischen Kultur bot. Gerade junge Studenten in den Städten, vor allem an der Universität von Vilnius, waren in dieser Hinsicht sehr aktiv.

1967 wurde mit der ersten Rasa-Feier (Sommersonnenwende) auf dem Burgberg von Kernavė die Litauische Ramuva-Gesellschaft gegründet. Mit den Feiern von Rasa, Jorė (das erste Ergrünen), Tagundnachtgleichen und anderen heidnischen baltischen Festen entwickelte sich auch das Interesse an historisch nachempfundenen Kleidungs- und Schmuckstücken und ihrer Herstellung.
Anfang der siebziger Jahre entstanden die ersten städtischen Folklore-Ensembles, die sich anfangs meist in Lehranstalten in Vilnius zusammenfanden. Nach und nach wurden die ersten Festivals und Wettbewerbe organisiert. Das erste Stadtfolklorefest war „Skamba skamba kankliai“, das seit 1975 in der Altstadt von Vilnius stattfindet. In den achtziger Jahren wurden die Folklore-Ensembles immer zahlreicher und gründeten sich auch in kleineren Städten oder als Kindergruppen in den Schulen. Auch talentierte Volkskünstler in den Dörfern schlossen sich zu Gruppen zusammen. 1980 gab es den ersten landesweiten Folkloregruppen-Wettbewerb „Ant marių krantelio“ („Am Strand“) in Rumšiškės Skansen, dazu kamen später Workshops in Rumšiškės, Kelmė und anderen Orten. 1987 fand zum ersten Mal das internationale Folklorefestival „Baltica“ in Vilnius statt. Seitdem wird es jedes Jahr abwechselnd in einem der drei baltischen Staaten abgehalten. Ende der achtziger Jahre erreichte die Folklore-Bewegung mit der Anerkennung der nationalen Unabhängigkeit ihren Höhepunkt. Damals gab es etwa neunhundert Stadt- und Dorfensemble.
Danach ließ das Interesse etwas nach, da es auch andere Wege gab, nationale Identität auszudrücken. Inzwischen pendelt die Zahl der Folkloregruppen um die fünfhundert. Stadtensembles empfinden traditionelle Repertoires oft nach, während Dorfensembles meist aus älteren Sängern, Tänzern und Musikern bestehen, die ihren eigenen regionalen und überlieferten Traditionen folgen. Die Grenzen zwischen Stadt und Land verwischen jedoch immer mehr.

Einige der bekanntesten Stadtensembles: Marcinkonys (Varėna dst.), Žiūrai (Varėna dst.), Kalviai-Lieponys (Trakai dst.), Luokė (Telšiai dst.), “Linkava” (Linkuva, Pakruojis dst.), “Šeduviai” (Šeduva, Radviliškis dst.), Užušiliai (Biržai dst.), Lazdiniai-Adutiškis (Švenčionys dst.).

Einige der bekanntesten Dorfensembles: “Ratilio”, “Ūla”, “Jievaras”, “Poringė” (Vilnius), “Kupolė” (Kaunas), “Verpeta” (Kaišiadorys), “Mėguva” (Palanga), “Insula” (Telšiai), “Gastauta” (Rokiškis), “Kupkiemis” (Kupiškis), “Levindra” (Utena), “Sūduviai” (Vilkaviškis).

Kinderfolkgruppen: “Čiučiuruks” (Telšiai), “Kukutis” (Molėtai), “Čirulis” (Rokiškis), Antazavė (Zarasai dst.).

Neben den fest etablierten Folklorefestivals “Skamba skamba kankliai” und “Baltica” gibt es zahlreiche, meist regionale, Festivals: “Griežynė” (Instrumentalmusik, Vilnius), “Suklegos” (Post-Folklore, Kaunas), “Parbėg laivelis” (Klaipeda), “Ėr paauga žali lėipa” (Telsiai), “Ar žiba žiburužiai” (Marijampole), “Martynas” (Kinderfolklore, Visaginas) und andere. Der Folkloretag ist fester Bestandteil des großen Litauischen Songfestivals, das alle vier Jahre stattfindet und bei dem Chöre, Musiker, Tänzer und viele weitere Musikkünstler auftreten.

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