Andere mythische Schöpfer

Sagen mit Gott und velnias sind die beliebten „Klassiker“ unter den litauischen Schöpfungsmythen, es gibt jedoch auch welche, in denen personifizierte Himmelskörper (Sonne, Mond, Erde), Perkunas (der Donnergott und mystische Schmied), der Riese Spjudas, der erste Mensch Adam, Noah, Maria (die Gottesmutter), Jesus, die Heiligen, normale Menschen, wilde Tiere, Nutztiere, Vögel und Pflanzen vorkommen. Je nach Geschichte handeln sie bewusst und zielstrebig oder auch nicht.

Einige Beispiele: Perkunas sehnte sich nach Licht, verbrachte sechs Jahre damit, die Sonne zu schmieden, stieg auf das Dach des höchsten Hauses und warf sie an den Himmel.

Sonne und Mond lagen im Streit um die Erde, deshalb entschied Perkunas, dass die Sonne ihre Tochter Erde bei Tag beschützen solle und der Mond bei Nacht.

Um ein faules Pferd zu bestrafen, entschieden Maria und Jesus, dass es immer grasen und doch nie satt werden solle. Sie dankten dem Haselbusch, indem sie ihm herunterhängende Zweige schenkten, sie belohnten einen guten Bauern, indem sie seine Handschuhe in eine Katze verwandelte, die für ihn die Mäuse jagte.

Als Adam spazieren ging, entstanden aus seinen Fußstapfen Berge, doch wo er nicht hintrat, Sümpfe und unfruchtbares Land.

Als ein Band um ein Fass Noahs brach, verwandelte es sich in den Regenbogen.

Die Sonne fiel von einem Esel, versuchte sich an den Ohren festzuhalten und zog sie dabei lang, außerdem hinterließ sie einen Streifen auf seinem Rücken.

Da all diese Charaktere dieselbe Funktion erfüllen wie Gott und velnias, lässt sich ihre gemeinsame Abstammung leicht herleiten. Die personifizierten Himmelskörper, Perkunas, der Schmied, und der Riese Spjudas gehören alle zu einer frühen Periode der Mythologie, die vom Christentum nicht berührt wurde. Sie sind damit möglicherweise noch älter als die Sagen mit Gott und velnias. Allerdings gibt es nur sehr wenige Aufzeichnungen dieser vereinzelten archaischen Mythen, und ihre Authentizität ist nicht belegt. Möglicherweise wurden sie erst später unter Verwendung der alten Bilder geschaffen.

Gott und velnias

Dies ist der Anfangszustand der Welt, der Ausgangspunkt ihrer Entwicklung, der in den Entstehungsmythen manchmal beschrieben und manchmal nur angedeutet wird. Es ist die Bühne, auf der zwei Schöpfer – Gott und velnias, der Teufel – die heutige Welt formen. Gott erschafft dabei alles, was nützlich und schön ist, der Teufel alles Schädliche und Hässliche. Gott macht die Erde glatt, velnias ist verantwortlich für zerklüftete Gegenden, Berge und Sümpfe. Gott formt einen gesunden Menschen, velnias gibt ihm Krankheiten. Gott schafft nützliche Tiere, velnias den Wolf. Gott sät Bäume und Nutzpflanzen, velnias Steine. Gott handelt bewusst und zielgerichtet, während velnias ihn nur imitiert und dabei nie das erreicht, was er beabsichtigt hatte. Auch velnias will einen Vogel machen, der den Bauern bei der Arbeit auf dem Feld erfreut, doch während Gott die Lerche schafft, kommt bei velnias nur eine Kröte heraus.

Der Gott der litauischen Entstehungsmythen ist erdverbunden und krempelt die Ärmel selbst hoch. Er rudert in einem Boot über die Ursuppe und verrichtet alltägliche Arbeiten – er schneidet Heu, baut Ställe, macht Feuer und wäscht sich das Gesicht. Selbst bei der Erschaffung der Welt, die nicht wie in der Bibel als übernatürliche, mysteriöse Handlung, sondern als Alltagsaufgabe beschrieben wird, verliert er nie seine Bodenständigkeit.

Gott sät Ackerland oder schafft es aus dem Staub, den velnias ihm bringt. Er formt den Menschen aus „reinem Ton“. Nachdem er die Tiere kreiert hat, gibt er ihnen Augen und Namen und sagt ihnen, wo und wie sie leben sollen und wem sie zu gehorchen haben. Er färbt die Federn der Vögel mit Pinsel und Palette. Diese Beschreibung des höchsten Wesens als Handwerker gibt seinem Bild Wärme und Menschlichkeit. Dennoch strahlt er in den meisten Entstehungsmythen etwas Majestätisches aus, das ihm durch seine Weisheit, seinen Scharfsinn und seine kreative Kraft verliehen wird. Außerdem ist er die höchste Instanz der Gerechtigkeit. Er bestraft die Prahler, Faulen, Gierigen und belohnt die Fleißigen und Rechtschaffenen. Somit ist er ein Volksheld, um einen Begriff aus der Volkskunde zu benutzen.

Doch auch velnias wird nicht als böse dargestellt, sondern als komisch. Er will Gott imitieren oder sogar töten, doch er ist dumm, unfähig und verfügt nicht über dessen kreative Schöpferkraft. Sein wiederholtes Scheitern beim Versuch, etwas Großes zu schaffen, und das Verhältnis von eingesetzten Ressourcen zum Ergebnis sorgen für Komik. Dennoch behält der velnias der Entstehungsmythen Züge, die seine göttliche Herkunft und Wesensähnlichkeit zum Volkshelden zeigen. Manchmal wird er sogar selbst als Gott bezeichnet. Um Heu zu machen, benutzt er eine Sense, die nicht einmal der Schöpfer besitzt, und er kann Eisen schmieden, was ihn zu einer Art Schutzpatron der Handwerker macht.

Die beiden Hauptcharaktere der litauischen Schöpfungsmythen unterscheiden sich grundlegend von denen der christlichen Lehre, auch wenn sie wie dort in „gut“ und „böse“ aufgeteilt sind. Ihr Ursprung reicht auf die viel ältere heidnische Mythologie zurück. Das Bild eines einfachen, bäuerlichen Gottes stammt ganz offensichtlich nicht aus der Bibel (wo es so gar nicht vorkommt), sondern aus der Zeit der ersten sesshaft gewordenen Bauern, deren harten Daseinskampf es spiegelt. Ein solcher Schöpfer kommt nicht nur in der Sagenwelt der indogermanischen, sondern auch vieler anderer Völker vor und nimmt manchmal auch Tier- oder Vogelgestalt an.

Der litauische Schöpfergott und sein Gegenspieler velnias ähneln in Art und Handlungsweise dem mystischen Wasserkind der amerikanischen Ureinwohner, ihrem Kojoten und Raben. Auch velnias hat dabei kaum etwas mit dem Teufel der Bibel gemeinsam. Der litauische velnias ist ein Narr oder Spaßmacher (der manchmal ebenfalls zum Volkshelden wird), so wie der Kojote der amerikanischen Ureinwohner, die Spinne bei afrikanischen Stämmen und der maui bei den Polynesiern. Der einzige Unterschied besteht darin, dass in den Sagen primitiver Kulturen keine dualistische Teilung in gut und böse vorkommt. So tritt der Kojote in Sagen der amerikanischen Ureinwohner sowohl der Held als auch als Narr auf.

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